...nachdem sich nun langsam bei mir ein bisschen der Alltag eingestellt hat, dachte ich mir, ist es an der Zeit über ein paar nichtdeutsche Lebensweisen zu berichten.
Mittag gibt es von 12 - 14 Uhr Mittagspause. In dieser Zeit haben die Studenten keinen Unterricht und legen sich schlafen. Ähnliches geschieht im Krankenhaus. Häufig legen sich die Schwestern auf einen Schreibtisch und schlafen eine Weile. Im OP habe ich es bisher noch nicht gesehen, habe aber ähnliche Geschichten von den anderen Famulanten gehört...
Essen gibt es natürlich nur mit Stäbchen, das Höchste der Gefühle ist ein viel zu tiefer beziehungsweise zu langer Löffel, der das Schlürfen unumgänglich macht. Schmatzen ist normal und der Kopf hängt bis auf wenige Zentimeter über dem Reisnapf.
Fleisch wird grundsätzlich mit allem gekocht, das heißt, es gibt kaum ein Essen ohne Knochen beziehungsweise Knorpel, die natürlich selbstverständlich auf den Tisch gespuckt werden.
Etwas sehr typisches ist das genüssliche Hochziehen und Ausspucken von Schleimresten im Rachenbereich. Dies geschieht nicht nur auf offener Straße, sondern ist auch im Krankenhaus absolut üblich. Das Gleiche könnte ich auch vom Rauchen schreiben; auch da schließe ich das Krankenhaus wieder mit ein.
Da die Geräuschkulisse in China grundsätzlich lauter durch Autos, Bauarbeiten, Klimaanlagen und Co ist, reden Chinesen MINDESTENS (!) doppelt so laut wie Deutsche. Dabei unterscheiden sie aber auch nicht, ob sie auf der Straße stehen oder im OP. Es wird überall rücksichtslos drauf zugebrüllt, diskutiert und geschrien. Dabei habe ich bisher noch nicht den Unterschied zwischen normalem Gespräch oder kritischer Äußerung bzw. Aggression herausgehört. Das macht das nonverbale Verständnis noch schwieriger, weil man nicht einmal anhand der Tonhöhe und Lautstärke auf ein Gemütszustand bzw. Gesprächsthema schließen kann.
Komischerweise sind die Chinesen in Sachen Beziehung und öffentlichem Kundtun von Gefühlen sehr zurückhaltend und schüchtern. Selten sieht man ein küssendes Pärchen oder ein händchenhaltendes Paar. Das Höchste der Gefühle ist ein Unterhaken oder verstecktes Kuscheln im Eck. So nebenbei: Während unser "Kreuzfahrt" hat unsere Tourguidein total schüchtern und irgendwie niedlich lachend gefragt, ob wir einen Freund haben und im nächsten Moment streichelt die Kleine mir über den Bauch und grinzt nur - so nach dem Motto - ich solle nicht so viel essen.
Chinesinnen sind sehr auf ihr Äußeres bedacht und kleiden sich immer sehr schick. Extrem kurze Röcke - oder nennen wir es besser Gürtel - und hohe Schuhe sind hier nichts Besonderes. Gern würde ich mit den Trends mitgehen, leider gehen die Schuhe nur bis zur 38. Klamotten sind entweder an den Armen zu kurz, Schultern zu knapp oder über die Brust zu eng.
Selbst beim Drachenboot fahren dürfen die High Heels nicht fehlen. Und natürlich sind viele Chinesen sehr schlank.
Diese Tatsache wird sich sicherlich im Laufe der nächsten Jahre rapide ändern. Bereits im OP haben sie die Herrn Von und Zu Chirurgen darüber beschwert, dass die Patienten zu dick sind und ihre Nadeln nicht lang genug wären. Diabetes und koronare Herzerkrankungen sind bereits auf dem Vormarsch.
Auffällig ist auch, dass sehr viele Chinesen schlecht sehen beziehungsweise bereits eine Brille tragen. Blöd ist diese Tatsache vor allem, wenn man dem Taxifahrer auf der kleinen Stadtkarte etwas zeigen möchte und diese überhaupt nichts mehr erkennt. So viel zur Sicherheit im Straßenverkehr...
Apropros Brille und gesunder Körperabstand. Heute drehte sich einer der Operateure am Tisch um und schob an meiner Schulter seine Brille hoch.
Weiterhin äußerst interessant finde ich die Urbanisierung dieser Stadt. An jeder Ecke entstehen neue Wolkenkratzer und alte werden abgerissen. Bis 2012 soll hier ein komplett neues U-Bahnsystem entstehen, wofür nun die komplette Stadt unterhöhlert wird. Dabei kann man zuschauen, wie die Häuser in die Luft schießen. Deshalb sollte man sich nicht wundern, wenn man in Wuhan oder sicherlich auch in anderen Städten manchmal die in Reiseführern beschriebenen Geschäfte bzw. Bahnhöfe nicht mehr findet. Richtig sie wurden abgerissen...
So genug zu dem Allgemeinen:
Gestern hatte ich einen ganz besonderen Tag. Ich bin mit Jutta, pensionierte Deutschlektorin aus der Nähe von Wiesbaden, an die Huazhong University of Science and Technologie ans andere Ende der Stadt gefahren.
Dort habe ich erst eine Stunde Deutsch in der Germanistikklasse gehalten und nachmittags noch 2 Stunden in der Sonderklasse für deutsch lernende Medizinstudenten gegeben. Neben tausenden Bildern und vielen Fragen hatte ich richtig viel Spaß mit den motivierten Studenten über Deutschland, Medizin und Wuhan zu reden. Lehrer Sein ist wirklich eine tolle Sache ;).
Zwischenzeitlich konnte ich mir den Campus ein wenig anschauen und noch einige interessante Sachen feststellen. Chinesische Studenten lernen laut. Das heißt, sie stellen sich beispielweise an einen kleinen See mit ihrem Buch und reden laut vor sich hin.
Mit Begeisterung singen Chinesen übrigens auch und das nicht schlecht...
PS.: Ich habe zum vorherigen Post noch einige Bilder hochgeladen. Ein hoch auf die chinesische Internetverbindung.






